demnächst ...

« am 14. september 2010 beginnt das modul 'acht brokate (baduanjin)' »

der qigong-zustand

Ein Ziel des Qigong ist es, über Körperübungen eine andere Art des Erkennens zu gewinnen.

Voraussetzung hierfür ist die Erlangung eines Zustands, der zwischen Wachsein und Schlafen liegt (sog. „Qigong-Zustand“), Ausdruck einer tiefen Entspannung, die sich körperlich und geistig zeigt.
Physiologisch gesehen, beträgt die Dauer der Übergangsphase zwischen Nicht-mehr-wach-sein und Noch-nicht-schlafen ca. 7-14 Sekunden.
Im Stillen Qigong versucht man, diese Zeitdauer auf mehrere Minuten auszudehnen. Dadurch wird die Entspannung ausgedehnt. Völlig entspannt zu sein, heisst, dass das Qi frei fliesst.

„Am wirkungsvollsten sind Qi-Gong-Übungen, wenn sie in einem ganz bestimmten, vom normalen Alltagsbewusstsein verschiedenen Bewusstseinszustand ausgeführt werden. Dieser «Qi-Gong-Zustand», in dem die Gehirnströme in Alphawellen verlaufen, ist ein Zustand besonderer Entspannung, in dem Körper und Geist in Einklang sind. Man ist in diesem Zustand sehr ruhig, lässt sich nicht ablenken, ist emotional ausgeglichen und ohne diskursive Gedanken, und das gezielte Führen des Qi geschieht in einer Art «schwebender Konzentration» oder «Sammlung» — ohne jede Anspannung. Ist dieser Zustand entsprechend tief, so tritt die organische Atmung zurück und wird weitgehend von Tuna («natürlicher Austausch») ersetzt, wobei «Einatmen» und «Ausatmen» imaginative Vorgänge und unabhängig vom äusseren Atemrhythmus sind. Meister Li nennt dies «Qi-Gong-Atmung».

Die Vorbereitung, die jeder formalen Übung vorausgeht, dient dazu, den Qi-Gong-Zustand wenigstens annähernd eintreten zu lassen. Deshalb ist es für Anfänger ausserordentlich wichtig, sich genügend Zeit zur vorbereitenden Entspannung zu nehmen. Die grundlegenden Entspannungsübungen wirken auf der körperlichen und auf der geistigen Ebene zugleich. Die Muskulatur wird gelockert, und das ständige «innere Plappern», das unseren geistigen Normalzustand kennzeichnet, kommt zur Ruhe.

Dieser Qi-Gong-Zustand ist natürlich nicht etwas, das man «machen» kann; man kann ihn lediglich wachsen lassen. Das ist vergleichbar mit dem Wachstum einer Pflanze. Wir können für möglichst gute Wachstumsbedingungen sorgen, müssen es jedoch der Pflanze überlassen, sich ihren Anlagen gemäss zu entwickeln. Niemand würde auf die Idee kommen, an einer Pflanze zu ziehen, damit sie schneller wächst. Dieselbe abwartende, «geschehenlassende» Haltung ist die Voraussetzung für eine gute Entfaltung der Qi-Gong-Praxis.

Anfänger sollten den Übungen mit dem Qi immer eine längere Phase der Entspannung vorausgehen lassen — am besten in ausgewogener Proportion: Die eine Hälfte der Sitzung ist der Entspannung gewidmet, die zweite Hälfte der energetischen Übung.“

aus:

Ulli Olvedi, Das Stille Qi Gong nach Meister Zhi-Chang Li, Bern u.a.: Otto Wilhelm Barth Verlag, 5. Auflage der Sonderausgabe 1999, S. 147f.